
Cornell Universität #7 und die Frage, die keiner hören will: Warum ändert sich so wenig?
An einer der bekanntesten Universitäten der USA wird gerade ein mutmaßlicher Fall von Gruppenvergewaltigung neu aufgerollt. Der Fall zeigt, wie tief patriarchale Strukturen noch wirken – und warum uns das auch in Deutschland etwas angeht.
Kurz gesagt
- Eine Studentin wird laut Klage unter Drogen gesetzt und von sieben Männern vergewaltigt. Im Gruppenchat heißt es: „free p•••y“.
- Niemand hilft. Die Uni wirft zwei Studenten raus, andere müssen unter anderem Essays schreiben.
- Auch in Deutschland zeigen nur drei Prozent der Frauen sexuelle Übergriffe an.
Was passiert ist
Oktober 2024, Ithaca im Bundesstaat New York. Eine 20-jährige Studentin geht auf eine Party im Haus der Studentenverbindung Chi Phi. Was dann folgt, beschreibt sie in ihrer Klage so: Quellen: CBS News · Washington Times
- Zwei Verbindungsmitglieder drängen sie, eine Droge zu nehmen. Angeblich Ketamin.
- Danach wird sie vergewaltigt.
- Über mehrere Stunden kommen weitere Männer dazu. Insgesamt wirft sie sieben Studenten eine Gruppenvergewaltigung vor.
- Gegen 1:42 Uhr schreibt einer von ihnen in die Snapchat-Gruppe der Verbindung, oben gebe es „free p•••y“. Eine Einladung an die anderen, mitzumachen.
- Niemand aus der Gruppe hilft ihr. Keiner ruft die Polizei. Die Polizei von Ithaca erfährt von dem Fall erst zwei Jahre später aus den Medien. Quelle: Cornell Daily Sun
Und die Konsequenzen?
Drei Wochen später meldet die Studentin den Fall der Uni-Polizei. Die Universität ermittelt intern. Das Ergebnis laut ihrem Anwalt: Zwei Studenten müssen die Uni verlassen. Die übrigen bekommen Suspendierungen, Workshops oder müssen Essays schreiben. Die Universität bestreitet, dass ein Essay für jemanden die einzige Strafe war. Quellen: Cornell · Katie Couric Media
Der Staatsanwalt verfolgt den Fall damals nicht weiter. Erst nachdem die Frau im September 2026 eine Zivilklage einreicht, kündigt er an, die Ermittlungen wieder aufzunehmen. Seine Begründung: Betroffene brauchen oft Jahre, um das Erlebte zu verarbeiten. Die Verbindung ist inzwischen vom Campus verbannt. Quellen: KRDO · Boston Globe
Eine Frau wird mutmaßlich von sieben Männern vergewaltigt. Und für einige von ihnen lautet die Antwort: ein Aufsatz.
Was mich am meisten erschüttert
Nicht nur die Tat. Sondern die Nachricht im Gruppenchat. Viele Männer haben sie gelesen. Nach allem, was bisher bekannt ist, hat keiner von ihnen eingegriffen.
Nicht nur die Täter machen Gewalt möglich. Sondern auch alle, die mitlesen und schweigen.
Warum mich das so beschäftigt
Weil das Muster so vertraut ist:
- Eine Frau spricht.
- Es wird an ihr gezweifelt.
- Die Institution schützt zuerst sich selbst.
- Erst wenn der öffentliche Druck groß genug ist, bewegt sich etwas.
Wie groß das Schweigen ist, zeigt eine aktuelle Studie des Bundeskriminalamts für Deutschland: Nur drei Prozent der Frauen, die sexuelle Übergriffe erlebt haben, zeigen sie an. Quelle: BKA-Dunkelfeldstudie LeSuBiA
Was das mit Patriarchat zu tun hat
Patriarchat heißt für mich nicht: Alle Männer sind schlecht. Es heißt: Wir leben in Strukturen, in denen männliche Netzwerke, männliche Sichtweisen und männliche Loyalitäten oft mehr zählen als die Erfahrung einer Frau. Das zeigt sich an Universitäten, in Unternehmen, in der Politik – und manchmal am Küchentisch.
Dazu kommt: In den USA wurden die Regeln, mit denen Hochschulen gegen sexualisierte Gewalt vorgehen müssen, zuletzt wieder enger gefasst. Die Verantwortung wandert zu den einzelnen Bundesstaaten. Schutz hängt dann davon ab, wo du studierst.
Und bei uns?
Wir sollten nicht mit dem Finger über den Atlantik zeigen. Auch hier trauen sich viele Frauen nicht, Übergriffe zu melden. Auch hier wird Betroffenen zu oft nicht geglaubt.
Was wir tun können
- Zuhören und glauben, statt sofort zu relativieren.
- Unsere Söhne, Brüder und Freunde in die Pflicht nehmen.
- Institutionen fragen: Wie sieht euer Schutzkonzept wirklich aus?
- Laut bleiben, auch wenn die Schlagzeilen wieder verschwinden.
Und wenn sich dir jemand anvertraut?
Dann brauchst du keine perfekten Worte. Sag: „Ich glaube dir.“ Frag, was sie jetzt braucht. Dräng sie zu nichts. Und bleib da, auch in den Wochen danach. Zuhören. Glauben. Begleiten. Mehr braucht es oft nicht, um nicht Teil des Schweigens zu sein.
Ich wünsche mir eine Welt, in der meine Töchter und deine nicht erst eine Klage einreichen müssen, damit jemand genau hinsieht.
Wenn du selbst betroffen bist: Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist rund um die Uhr erreichbar, kostenlos und anonym, unter 116 016 und auf hilfetelefon.de.
Häufige Fragen
Worum geht es im Cornell-Fall?
Eine Studentin wirft sieben Mitgliedern der Verbindung Chi Phi vor, sie im Oktober 2024 unter Drogen gesetzt und vergewaltigt zu haben. Der Staatsanwalt hat die Ermittlungen im September 2026 wieder aufgenommen. Quelle: CBS News
Wie viele Frauen zeigen sexuelle Übergriffe in Deutschland an?
Laut der Dunkelfeldstudie LeSuBiA des Bundeskriminalamts nur etwa drei Prozent der betroffenen Frauen. Quelle: BMBFSFJ
Was kann ich tun, wenn sich mir jemand anvertraut?
Zuhören, glauben, begleiten. Sag „Ich glaube dir“, frag, was die Person braucht, und dräng sie zu nichts.
Wo bekommen Betroffene Hilfe?
Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist rund um die Uhr kostenlos und anonym erreichbar: 116 016. Quelle: hilfetelefon.de