Janine Kreiser.
Laut gedacht · Finanzen

Das Altersvorsorgedepot kommt. Warum ich trotzdem nicht sofort abschließen würde.

Ab dem 1. Januar 2027 gibt es in Deutschland etwas Neues: ein staatlich gefördertes Depot für die Altersvorsorge. Kein Versicherungsmantel, keine Beitragsgarantie, dafür ETFs und Fonds und bis zu 540 Euro Zulage im Jahr. Klingt gut. Ist es auch, für manche. Für andere ist es ein Baustein unter vielen. Und für niemanden ist es ein Grund, im Januar blind zu unterschreiben.

Kurz gesagt

  1. Das Altersvorsorgedepot ersetzt ab 2027 die Riester-Rente als geförderte private Vorsorge. Du sparst in ETFs und Fonds, der Staat legt bis zu 540 Euro im Jahr dazu, plus bis zu 300 Euro pro Kind.
  2. Ob es sich lohnt, hängt von deinem Einkommen, deinen Kindern, deinen bestehenden Verträgen und deinem Steuersatz im Alter ab. Eine pauschale Antwort gibt es nicht.
  3. Meine Meinung: Im ersten Halbjahr 2027 nichts überstürzen. Erst schauen, wie Anbieter und Kosten sich entwickeln, dann gezielt entscheiden.

Hinweis: Dieser Beitrag ist meine Meinung und keine Anlage- oder Steuerberatung. Stand: Oktober 2026. Grundlage ist das Altersvorsorgereformgesetz, beschlossen vom Bundestag am 27.03.2026 und vom Bundesrat am 08.05.2026.

Was das Altersvorsorgedepot ist
Ein Depot auf deinen Namen, in dem du für die Rente sparst. Du kannst selbst ETFs und Fonds auswählen. Wer das nicht will, bekommt ein Standardprodukt, bei dem die Kosten auf 1 Prozent im Jahr gedeckelt sind. Anders als bei Riester gibt es keine Beitragsgarantie. Das macht das Depot renditestärker, aber auch schwankungsanfälliger. Wer bei jedem Börsenknick nachts wach liegt, sollte das vorher wissen.

Neu ist auch: Selbstständige bekommen erstmals direkt Zulagen. Bei Riester waren sie meist außen vor. Bisher blieb ihnen vor allem die Rürup-Rente, die über die Steuer gefördert wird, aber ohne Zulagen.

Die Förderung in Zahlen

  • Grundzulage: Auf die ersten 30 Euro, die du im Monat sparst, legt der Staat die Hälfte drauf. Auf alles darüber bis 150 Euro im Monat ein Viertel. Wer 150 Euro im Monat spart, bekommt also 540 Euro im Jahr dazu. Geschenkt ist das übrigens nicht, es sind ja deine Steuern. 😉
  • Kinderzulage: 1 Euro pro gespartem Euro, bis zu 300 Euro pro Kind und Jahr, für jedes Kind, für das du Kindergeld bekommst.
  • Unabhängig vom Einkommen: Anders als bei Riester musst du keine 4 Prozent deines Bruttoeinkommens einzahlen, um die volle Zulage zu bekommen. Es reichen mindestens 120 Euro im Jahr. Die Regel, an der viele Riester-Sparer gescheitert sind, fällt weg.
  • Berufseinsteigerbonus: einmalig 200 Euro, wenn du vor deinem 25. Geburtstag abschließt.
  • Frühstartrente: Für Kinder zwischen 6 und 18 zahlt der Staat 10 Euro im Monat in ein eigenes Depot. Mehr dazu gleich, da lohnt ein zweiter Blick.
  • Steuer: Beim Einzahlen sparst du Steuern, beim Auszahlen zahlst du sie. Das Finanzamt ist geduldig, aber nicht vergesslich. Im Detail: Die Beiträge können als Sonderausgaben angesetzt werden, das Finanzamt prüft, ob das günstiger ist als die Zulage, und im Alter werden die Auszahlungen voll versteuert.
  • Auszahlung: frühestens ab 65, spätestens ab 70. Möglich ist ein Auszahlplan, der mindestens bis 85 läuft.

Die Frühstartrente: schöne Schlagzeile, kleiner Betrag
„Bis zu 1.440 Euro vom Staat für jedes Kind“ klingt großzügig. Schauen wir genauer hin:

  • Die volle Summe bekommen nur wenige. Gefördert werden zuerst Kinder des Jahrgangs 2020, danach kommt jedes Jahr der Jahrgang dazu, der sechs wird. Wer 2019 oder früher geboren ist, bekommt nichts. Die vollen 1.440 Euro gibt es nur, wenn ein Kind die ganzen zwölf Jahre von 6 bis 18 dabei ist.
  • 10 Euro bleiben 10 Euro. Der Betrag ist nicht an die Inflation gekoppelt. 10 Euro im Jahr 2038 sind weniger wert als heute.
  • Das Geld ist bis 65 gesperrt. Für Führerschein, Studium oder die erste Wohnung ist es nicht gedacht.
  • Was am Ende wirklich übrig bleibt: Mit 5 Prozent Rendite nach Kosten wächst das Depot bis zum 65. Geburtstag auf rund 18.900 Euro. Klingt gut. Aber: Bis zu 30 Prozent darf man zu Rentenbeginn auf einmal entnehmen, der Rest kommt als Auszahlplan (mindestens bis 85) oder als lebenslange Rente. Und egal, wie ausgezahlt wird: Alles ist voll einkommensteuerpflichtig. Bei angenommen 20 Prozent Steuer bleiben rund 15.100 Euro. Weil das erst in rund 60 Jahren passiert, sind das in heutiger Kaufkraft, bei 2 Prozent Inflation, nur noch rund 5.500 Euro. Über 20 Jahre verteilt also rund 26 Euro im Monat in heutigem Geld. Das reicht im Alter für eine Pizza im Monat. Mit Getränk wird’s knapp. 😉 (Vereinfachte Beispielrechnung für ein Kind, das die vollen zwölf Jahre dabei ist. Keine Anlage- oder Steuerberatung.)
  • Politisches Risiko: Eine Förderung, die jedes Jahr aus dem Bundeshaushalt bezahlt wird, kann eine spätere Regierung auch wieder ändern.

Mein Fazit dazu: Ein netter Zuschuss, aber allein reicht er nicht. Wer für sein Kind wirklich etwas aufbauen will, muss selbst etwas dazulegen.

Für wen es sich lohnen kann

  • Eltern: Die Kinderzulage ist die stärkste Förderung im ganzen Paket. 300 Euro einzahlen, 300 Euro dazubekommen.
  • Junge Leute und Berufseinsteiger:innen: Lange Laufzeit, Bonus von 200 Euro, und die hohe Förderung auf die ersten 360 Euro.
  • Selbstständige: Neben der Rürup-Rente gibt es jetzt eine zweite geförderte Option, diesmal mit Zulagen, mit ETFs und ohne Versicherungsmantel. Was besser passt, hängt vor allem vom Steuersatz ab. Oft ist es eine Kombination.
  • Gutverdienende und Unternehmer:innen: Hier wird es spannend und individuell. 540 Euro sind ein netter Zuschuss, aber keine Strategie. Entscheidend ist der Steuersatz heute und im Alter, und wie das Depot zu den anderen Bausteinen passt.

Die ausführliche Rechnung für diese drei Gruppen findest du in meinem Artikel „Lohnt sich das Altersvorsorgedepot für mich?“.

Warum ich nicht im ersten Halbjahr 2027 abschließen würde
Neue Produkte brauchen Zeit. Anbieter müssen ihre Angebote erst aufbauen, Kosten werden sich einpendeln, und bei einem so großen Gesetz wird erfahrungsgemäß noch nachjustiert. Wer im Januar als Erstes unterschreibt, zahlt oft Lehrgeld. Das ist wie beim neuen Smartphone: Die erste Version hat immer ein paar Macken. Nur dass du dein Altersvorsorgedepot nicht nach zwei Jahren umtauschst.

Dazu kommt: Vertriebe werden das Thema lieben. „Riester ist tot, wechseln Sie jetzt!“ wird ein beliebter Satz sein. Ich wette, er fällt im Januar öfter als „Frohes neues Jahr“. Nicht jeder Wechsel ist sinnvoll.

Was mit deinem Riester-Vertrag passiert
Bestehende Riester-Verträge laufen weiter. Du kannst wechseln, musst aber nicht. Ein alter Vertrag mit niedrigen Kosten und geringer Provision kann durchaus weiter gut funktionieren, vor allem, wenn er über einen Honorartarif abgeschlossen wurde, also ohne eingepreiste Provision. Ob ein Wechsel lohnt, hängt davon ab, wie dein Vertrag bisher gelaufen ist und was er kostet.

Den direkten Vergleich Punkt für Punkt findest du in „Riester gegen Altersvorsorgedepot“. Wie du das prüfst, erkläre ich in „Altersvorsorgedepot und Riester: So prüfst du Angebote“.

Wo das Depot in deine Vorsorge passt
Altersvorsorge in Deutschland hat drei Schichten: die Basisversorgung (gesetzliche Rente, Rürup), die geförderte Zusatzvorsorge (betriebliche Altersvorsorge, bisher Riester, ab 2027 das Altersvorsorgedepot) und die freie private Vorsorge (eigenes Depot, Immobilien, Edelmetalle). Das Altersvorsorgedepot gehört in die zweite Schicht. Es ersetzt nichts, es ergänzt. Welche Schicht für dich wie viel Gewicht bekommt, ist eine individuelle Frage.

Mein Fazit
Das Altersvorsorgedepot ist das beste geförderte Vorsorgeprodukt, das Deutschland seit Langem bekommt. Aber gut gemacht heißt nicht automatisch: gut für dich. Erst verstehen, dann rechnen, dann entscheiden. Und zwar in Ruhe. Die Rente läuft dir ja nicht weg. Sie kommt nur später, als uns allen lieb ist. 😉

Häufige Fragen

Ab wann gibt es das Altersvorsorgedepot?
Ab dem 1. Januar 2027. Das Gesetz ist beschlossen und in Kraft.

Wie hoch ist die Förderung im Altersvorsorgedepot?
Bis zu 540 Euro Grundzulage im Jahr bei 1.800 Euro Eigenbeitrag, bis zu 300 Euro pro Kind und einmalig 200 Euro für alle, die vor dem 25. Geburtstag abschließen.

Muss ich meinen Riester-Vertrag kündigen?
Nein. Riester-Verträge laufen weiter. Ein Wechsel ins Altersvorsorgedepot ist freiwillig und sollte vorher individuell geprüft werden.

Quellen
Altersvorsorgereformgesetz (Bundestag 27.03.2026, Bundesrat 08.05.2026) · Bundesfinanzministerium, FAQ zur Frühstart-Rente · Deutsche Rentenversicherung, Altersvorsorge-Reformgesetz · Verbraucher- und Fachportale zum Altersvorsorgedepot (Stand Oktober 2026).

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